Märchen

Zitat aus dem Spielfilm "Stummer Schrei" - USA 1994:

"Missbrauchte Opfer sind immer die besten Schauspieler ... sie müssen es sein ... sie leben ihr ganzes Leben lang mit Schmerz und Scham und dabei tun sie so, als wäre alles in Ordnung. Eine echte Meisterleistung!"

Manche Kinder und Jugendliche verschlüsseln ihren Missbrauch aber auch in ein:

MÄRCHEN ...(?)

Das Märchen von Sedna und La Luna

Es war einmal eine kleine Prinzessin mit dem Namen Sedna. Sie wuchs sehr einsam in finsteren Gewölben auf, in denen dunkle Gestalten ihr Unwesen trieben. Ihr einziger Trost war die Mondin "La Luna".

Jede Nacht, wenn "La Luna" am Himmel ihre Bahn zog, verließ Sedna ihr Bett und setzte sich ans Fenster zum Licht. Voller Ehrfurcht betrachtete sie den hellen Himmelskörper, und eines Nachts machte Sedna die Mondin zu ihrer Verbündeten.
Jede Nacht fand das gleiche Ritual statt. Das kleine Mädchen hielt Zwiesprache mit "La Luna". All ihre kleinen und großen Wünsche und Träume, aber auch ihre Sorgen und Tränen sandte sie hinauf zu ihr. Immer in der Hoffnung, "La Luna" würde sie hören und ihr helfen, der Einsamkeit und den dunklen Gestalten zu entfliehen.

Ihr sehnlichster Wunsch war, einmal einem Prinzen zu begegnen. Zwischen ihnen sollte Verständnis, Achtung und Gleichheit sein. Aber vor allem: Liebe!

Sedna spürte, dass die Untaten der dunklen Gestalten in dem Gewölbe nichts mit dem zu tun haben konnten, was man unter "Liebe" versteht. Sie taten ihr weh, verletzten ihren Körper und ihre Seele.

Oft fragte sich die kleine Prinzessin, wer diese Gestalten eigentlich waren. Sedna sah sie immer nur als vage Schatten. Schatten, die ihre Gesichter nicht zeigten.

Die kleine Prinzessin wuchs zu einem wunderschönen Mädchen heran. Aber immer noch nicht war für sie die Frage nach der "wahren Liebe" beantwortet. Die dunklen Gestalten trieben weiterhin ihr Unwesen an der Prinzessin. Am Tage beherrschten sie Sedna. nicht selten sogar bis tief in die Nacht. Erst wenn sie von ihrem bösen Treiben erschöpft waren, zogen sie sich stumm in das Dunkel der Gemäuer zurück. Dann setzte sich Sedna an das Fenster zum Licht. Mit einem Hilfe suchenden, verzweifelten Blick und der Frage nach der "wahren Liebe" auf den Lippen, richtete sie ihr kleines, zartes Gesicht hinauf zu ihrer Verbündeten "La Luna".

Je älter Sedna wurde und je verzweifelter sie nach einem Ausweg aus ihrer Lage suchte, um so länger wurden ihre Gespräche mit "La Luna". Eigentlich waren es ja Selbstgespräche, denn auf ihre Hilferufe, ihr Bitten und Flehen erhielt sie nie eine Antwort. Dennoch schien es ihr tröstlich, all ihren Kummer der stummen Mondfreundin anzuvertrauen.

"La Luna" fröstelte es oft bei Sednas Gesprächen, den Schilderungen von körperlichen und seelischen Grausamkeiten, die ihr die bösen Geister angetan hatten und von der Furcht und dem Grauen, denen die zarte Gestalt ausgeliefert war. Die eisige Kälte, die davon ausging, führte bisweilen dazu, dass "La Luna" sich mit einer Wolke bedeckte. Manchmal fielen auch große Regentropfen aus dieser Wolke, obwohl es ringsum trocken blieb. Es waren heimliche Tränen, die "La Luna" um Sedna weinte.

"La Luna" wurde immer mehr zu Sednas Vertrauter. Sedna lernte es, in "La Lunas" Gesicht Antworten auf ihre Fragen zu finden. Sie musste nur Geduld haben und sie aufmerksam anschauen.

Die leichten Nebelschwaden, die "La Luna" manchmal verhüllten, ließen dahinter ein Gesicht mit langen dunkelblonden Haaren und großen blauen Augen erahnen. So wie auch Sednas Aussehen war. Nur viel, viel größer. Manchmal schien es, als öffne "La Luna" ihren Mund, um etwas zu flüstern, was außer Sedna niemand hören konnte.

Tatsächlich schöpfte sie aus diesen Antworten Mut und Hoffnung. Auf ihre immer wiederkehrende Frage, nach dem Prinzen und der wahren "Liebe" hauchte ihr "La Luna" eines nachts die Antwort:
"Du musst ihn suchen ... er wartet auf dich ... gehe hin und suche ihn!"

Am frühen Morgen packte Sedna ein Bündel Sachen und schlich sich aus dem Gewölbe. Die dunklen Gestalten schliefen noch, benommen von ihren nächtlichen Untaten. So konnte Sedna gehen.

Durch fremde Strassen und Gassen, die in der Frühe allesamt noch menschenleer waren. Nur ein umherstreunender Hund und zwei graue, verwahrloste Katzen kreuzten ihren Weg.

Lange irrte Sedna umher. Als sie schließlich von Hunger und Kälte geplagt wurde , versteckte sie sich am Rande der Stadt in einer Scheune, deren Tür nur angelehnt war.

Sie nahm all ihren Mut zusammen und stieg auf der angelehnten Leiter nach oben, wo sie sich in einem großen Heuhaufen verkroch. Hier war es wenigstens warm und in dem Versteck drohte ihr keine Gefahr.

Erschöpft schlief Sedna bald ein. Sie träumte von "La Luna" und dem Prinzen, den sie suchen und finden wollte. Aber immer, wenn sie glaubte, ihn im Traum gefunden zu haben, verschwamm das Bild, das sie sich von ihm erträumt hatte, bis zur Unkenntlichkeit.
Enttäuscht wachte Sedna auf und erschrak. Neben ihr saß ein etwa gleichaltriger Junge. Er hatte eine Wolldecke über sie gelegt, damit sie sich warm und geborgen fühlen konnte. Vor ihr, auf einem Tuch waren verschiedene Speisen, von deren Geruch Sedna ganz schwindlig wurde. "Wer bist du?", fragte Sedna erschrocken und fügte noch zaghaft hinzu: "Bist du der Prinz?"

Der Junge lachte übermütig und belustigt. "Nein ...", sagte er, "sehe ich etwa so aus? Ich bin wie du auf der Suche nach einer besseren Zukunft." Hastig griff Sedna nach einem Stück Brot, immer noch in Sorge, es könnte nur ein Traum sein, was sie da vor sich sah.
Zwei Tage und zwei Nächte lang lebten sie gemeinsam im Heu, wie Bruder und Schwester. Am dritten Tag war der Junge verschwunden. Die Decke hatte er ihr zurückgelassen. Auch den letzten Kanten Brot!

Traurig machte sich Sedna weiter auf die Suche nach ihrem Prinzen. Aber das Schicksal in Gestalt der bösen Geister hatte sie bald wieder eingeholt. Als Sedna abends am Ufer eines Flusses angekommen war, verkroch sie sich in ein kleines Boot, das dort herrenlos lag. Sie wickelte sich in ihre schützende, wärmende Decke und suchte mit den Augen am Sternenhimmel nach ihrer Freundin "La Luna". Aber noch bevor sie auch nur einen Blick von der Mondin erhaschen konnte, war Sedna von den bösen Geistern umringt, die sie verfolgt und ihre Spur nie wirklich verloren hatten.

Triumphierend zogen sie das Mädchen an den Haaren hinter sich her. Schwangen sich mit ihr auf eine düstere Wolke und waren im Nu wieder in ihren alten Gemäuern. Hier vollführten sie einen wahren Teufelstanz. Ihr Gebrüll um das lodernde Feuer wurde immer lauter. Sie stampften mit den Füßen und schlugen mit langen Ruten auf Sedna ein. Auf dem Höhepunkt ihrer Bösartigkeit griffen sie zu einer Schere und schnitten Sedna ihre prächtigen Haare ab. Sie schrie und wehrte sich verzweifelt, doch es half nichts. Die dunkelblonden Locken fielen häufchenweise zu Boden und wurden von den Peinigern jubelnd und schreiend davongetragen.
Zurück blieb ein weinendes Etwas, das kaum noch an Sedna erinnerte.

Von nun an wurde Sedna strenger bewacht. Die Jahre vergingen. Sedna versuchte immer wieder, ihren Peinigern zu entrinnen. Sie war inzwischen älter und klüger geworden und hatte gelernt, sich scheinbar zu fügen. Aber in ihrem Innersten blieben die Sehnsüchte nach Liebe und Geborgenheit und die Ahnung, dass es irgendwo einen Prinzen gab, der auf sie wartete.

Einmal hatte Sedna es erneut geschafft, den bösen Geistern zu entkommen. Sie hatte ihre Flucht besser als je zuvor geplant und es gelang ihr, die Spuren erfolgreich zu verwischen. Als sie schließlich unterwegs einen wunderschönen Mann traf und ihn um Hilfe und ein Nachtquartier bat, nahm er sie auf dem Rücken seines Pferdes mit in sein Schloss. Er führte sie durch die prächtigen Gemächer, kleidete sie in fürstliche Gewänder und setzte ihr Speisen vor, die sie niemals in ihrem Leben gesehen oder gekostet hatte. Es war für Sedna wie ein Traum. Sie glaubte sich am Ziel ihrer Wünsche!

Der Schlossherr behandelte Sedna wie eine Königin - mit größter Zuvorkommenheit. An den Abenden lud er gewöhnlich viele Gäste ein. Zumeist Freunde, denen er Sedna als neue Schönheit vorführte. Und noch bevor es draußen dunkel wurde, zog man im Schloss die schweren, roten Samtvorhänge zu, die keinen neugierigen Blick nach drinnen zuließen.

So kam es, dass Sedna alsbald ihre Freundin "La Luna" vergaß. Denn während sie drinnen mit den Freunden des Schlossherrn tanzte, mit ihnen Champagner trank und ihnen jeden nur erdenklichen Wunsch erfüllte, entfernte sie sich immer mehr von ihrer traurigen Vergangenheit und verlor darüber ihr Ziel aus den Augen.

Nein, eigentlich glaubte Sedna sich ja am Ziel ihrer Wünsche!
Als dann noch ein Freund des Hauses um ihre Hand anhielt, willigte sie ohne Zögern ein. Nach der Heirat musste sie erkennen, dass es ein böser Dämon war, an den sie geraten war. Sie wurde geschlagen und geschunden, wie bei den bösen Geistern ihrer Kindheit.
Ihr Körper und ihre Seele nahmen großen Schaden!

Eines Nachts saß Sedna wieder am Fenster und beichtete ihrer Freundin "La Luna" ihr Unglück. Aber sie erhielt keine Antwort. Sedna hatte "La Luna" gekränkt in all den Jahren, die sie hinter den geschlossenen Samtvorhängen in Prunk und Luxus verbracht hatte.
Als Sedna sich dessen bewusst wurde, weinte sie heiße Tränen der Verlorenheit, die "La Lunas" kaltes Herz schließlich erwärmten. Und so geschah es, dass "La Luna" ihr ein Zeichen gab, aus ihrer Verstrickung mit dem Dämon zu fliehen.

Sie schickte Sedna einen besonders hellen Strahl vom Himmelszelt, der sie mit der Geschwindigkeit eines Blitzes an einen anderen Ort versetzte und Sedna sich plötzlich am Ufer eines Meeres wiederfand.

Ein Fischer war mit seinem kleinen Boot gerade vom Fang heimgekehrt und kam auf sie zu. Sedna blickte in seine warmherzigen Augen, die so voller Güte schienen, aber dennoch einen Funken Schalk und Fröhlichkeit erkennen ließen. Die grauen Haare und der störrische Bart gaben ihm ein etwas verwegenes Aussehen und erinnerten Sedna keineswegs an das Bild eines Prinzen. Aber dennoch spürte sie in seiner Nähe sofort eine so tiefe Geborgenheit, wie sie es noch nie zuvor gefühlt hatte. War es das, was sie so lange vermisst und wonach sie vergebens gesucht hatte?

Der Fischer kam auf sie zu und fragte: "Willst du mit mir gehen in das Land voller Liebe und Glück? Dann setze deinen Fuß auf das Wasser, vertraue mir und gehe mit mir übers Meer!"

Sedna nickte stumm. Ja, sie wollte ihm folgen, wohin auch immer. Entschlossen griff sie nach ihrem Bündel Sachen, das eigentlich wertlos geworden war. Enthielt es doch vor allem die Erinnerung an die Grausamkeiten, die ihr ein Leben lang angetan worden waren. Sie sah den Fischer groß an, doch der schüttelte den Kopf, und so ließ sie das Bündel am Ufer zurück, wo es später von den Wellen hinweggeschwemmt wurde.

Erst zaghaft, dann mit wachsendem Mut und Entschlossenheit setzte Sedna nun ihre Füße auf die gekräuselten Wellen, die sich aber sofort unter ihnen glätteten. Der Fischer legt seinen Arm um ihre Schultern, und gemeinsam gingen sie über das Meer, das unter ihnen jetzt blank wie ein Spiegel wurde und worin die rote Abendsonne ihr Antlitz barg.

So schritten Sedna und der Fischer einer neuen Zukunft entgegen in ein Land, wo die Liebe ihnen ein neues Zuhause gab. Dort angekommen, begrüßte "La Luna" beide mit einem Lächeln.
Sedna hatte endlich alles gefunden, wonach sie sich sehnte. Aus dem Fischer wurde ein Prinz, dessen Zuneigung zu ihr bis an das Ende seines Lebens reichte.
Und nie mehr schloss Sedna am Abend die Vorhänge, ohne zuvor ein Dankgebet an ihre Freundin "La Luna" zu richten!

Doris Dantz * Lara Andriessen
Aus dem Buch: "Mondträume"