Autorin Lara Andriessen schreibt über Missbrauch durch eigene Eltern / "Verdauung der Masken"
Wonnegau, Rhein Main Presse, 25.04.2001
Von unserer Mitarbeiterin Anke Gersie
Lara Andriessen ist 45 Jahre alt. Eine Frau, die in ihrem Leben schon oft von vorne angefangen hat. Eine Frau, die von sich selbst sagt, sie werde sich nicht mehr in die Opferrolle drängen lassen. Eine Frau, die sich mit Hilfe von Freunden, Willensstärke, Lebenskraft und jeder Menge Mut von den schrecklichen Erlebnissen ihres bisherigen Lebens befreit hat.
"Verdauung der Masken" heißt das Buch, in dem sie den permanenten Missbrauch durch ihre Eltern, dem sie seit Babyalter ausgesetzt war, schonungslos offen legt. Sie sei losgegangen, habe sich mit ihrer Vergangenheit auseinandergesetzt, sich den schmerzhaften Gefühlen und Geschehnissen erneut gestellt, erklärt Lara Andriessen. "Ich möchte nicht vergessen, ich möchte daran arbeiten", sag sie zu ihrem persönlichen Umgang mit der Gewalt.
Die beherrschte bislang den Großteil ihres Lebens. Die Mutter schlug sie, der Vater lebte an ihr seine sexuellen Gelüste aus. Nach der Flucht von zu Hause geriet Lara Andriessen an Zuhälter, Schläger und einem Mann, der sie vergewaltigte.
Vor fünf Jahren begann sie ihren Weg der Bewältigung und schrieb ihr Buch. Seit dessen Erscheinen vergeht kein Tag, an dem sie nicht Reaktionen hört auf ihre Erlebnisse, an denen sie nicht von Frauen erfährt, die Tag für Tag häuslicher Gewalt ausgesetzt sind. Manche dieser Geschichten seien noch viel schrecklicher als ihre eigene, erzählt Lara Andriessen. Mit vielen Frauen habe sie Kontakt aufgenommen, betreue die Missbrauchsopfer. Als Mensch, dem selbst geholfen wurde.Dabei reiche sie die Hand, gehen müssten die Betroffenen von alleine. Auch sie habe lernen müssen, sich selbst zu helfen, damit andere sie unterstützen konnten. "Ich bin da, aber ich lasse mich nicht benutzen", sagt Lara Andriessen. Als Zuhörerin, mit Offenheit und Ehrlichkeit begegne sie den Frauen, die sie meist aus Briefen, Internet und vom Telefon kennt. Sie gibt weiter, was sie erfahren, was ihr geholfen hat. Sie habe gelernt, die negativen Dinge ihres Lebens anzunehmen. Als etwas, was geschehen ist, um sie gehen zu lehren. Als etwas, aus dem sie trotz allem etwas Positives herausholen könne. Die Schuldfrage habe sie längst "in die Biotonne geworfen", sagt Lara Andriessen. Den Kampf aufgenommen hat Lara Andriessen gegen die üblichen 50-Minuten-Sitzungen von Psychologen und Psychotherapeuten. Eine Rundum-Betreuung müsse gewährleistet werden, um den Opfern besser helfen zu können. Sie selbst feiere seit eineinhalb Jahren ihren zweiten Geburtstag. Mitten im Aufarbeitungsprozess habe sie damals die Depression eingeholt. Dass sie heute da sei und ja sage zum Leben, verdanke sie einer psychologischen Marathon-Betreuung, bei der sie sich 24 Stunden am Stück mit sich und ihrer Geschichte auseinander gesetzt habe. Seit sie durch diesen "Geburtskanal" gegangen sei, gehe es ihr viel besser. Sie achte auf sich, mache, was ihr gut tut, setze Grenzen. Trotzdem sei sie oft erschöpft, fühle sich ohnmächtig. Die Geschwindigkeit, mit der sie ihre fast 40-jährige Leidensgeschichte aufarbeite, raube ihr manchmal alle Kraft. Trotzdem schreibt sie an einem weiteren Buch über Missbrauch und Gewalt in der Familie.