Der Tatort ist das Kinderzimmer
Alzeyer Wochenblatt 15.10.1998
Lara Andriessen las aus ihrem beeindruckenden Buch "Verdauung der Masken"
ALZEY (bo) - Ein schier endloses Martyrium hat Lara Andriessen hinter sich, denn sie wurde schon in ihrer frühesten Kindheit von ihrem Vater sexuell missbraucht. Vergessen kann sie es nicht, aber sie will endlich frei sein; frei von zugefügten Schmerzen und frei von seelischer Pein. 39 Jahre schwieg sie, jetzt redet sie. Lara Andriessen hat ihre Erlebnisse in einem kürzlich erschienenen Buch zusammengefasst. Sie beschreibt in einfachen Worten das Ungeheuerliche. Freimütig äußert sich die Autorin auch nach ihrer Lesung, die unter Mitwirkung von Lektorin Angelique Hess vom Frauenzentrum veranstaltet worden war. Ihre Stimme ist ruhig, aber auch ein wenig müde. Ein langer Leidensweg, der ständige Kampf ums Überleben, liegt hinter ihr. Die Peiniger, Vater und Ehemann, sind unbestraft. In ihrem Fall kann sie ihrem Vater, der sie 15 Jahre lang missbrauchte, nicht mehr anklagen; juristisch gesehen hat sie zu lange damit gewartet. Fälle, die mehr als 10 Jahre nach der Volljährigkeit zurückliegen, gelten als verjährt. Das muß sich ändern, sagt sie, denn wie schwer der Prozess der Verarbeitung sein kann und wie lange es dauert, Mut und Vertrauen aufzubringen, weiß die Autorin aus eigener Erfahrung. Noch immer beschäftigt sie die Frage, ob sie es jemals schaffen wird, ohne Schmerz weiterzuleben.
Aber es ist längst mehr als eine persönliche Sache für Lara Andriessen, denn sie möchte anderen in ähnlichen Situationen den Mut machen, den Mund zu öffnen.
"Schweigen ist nie Leere" schreibt die Autorin, und "Jedes Kind braucht Hilfe". Sie fordert alle Betroffenen auf, sich zu äußern, sich nichts gefallen zu lassen. Noch würde vieles verschwiegen, sagte Petra Werum, die im Notruf tätig ist. Das Frauenzimmer sei eine Anlaufstelle, um in einem geschützten Rahmen den ersten Schritt aus der eigenen Isolation heraus zu wagen. Nahezu unglaublich erscheint ein solcher Leidensweg aus Missbrauch und Vergewaltigung, in einem Land wie dem unseren und begangen in einer so genannten gutbürgerlichen Familie! 15000 Fälle von sexuellem Missbrauch werden jährlich bundesweit aktenkundig, die Dunkelziffer liegt etwa 50 mal so hoch. Der Wandel des gesellschaftlich angesehenen Vaters in ein Scheusal geschieht hinter der Wohnungstür. Das sind die Masken, die Lara Andriessen beschreibt. In vielen Missbrauchfällen wissen Mütter und Verwandte schon Bescheid, sagen aber nichts. Lara Andriessen sieht hier eindeutig eine Mitschuld. Noch immer hat sie Alpträume, Ängste, leidet unter Einsamkeit. Jede Seite ihres Buches, das sie schreibt, bedeutet quälende Erinnerung. Dennoch, für sie begann mit der schriftstellerischen Betätigung die Befreiung; sie machte sich auf den Weg. Selbstheilungskräfte entstanden, aber noch immer ist sie am Anfang ihrer Aufarbeitung, sagt sie.