Eine Frau macht anderen Mut
Zeitschrift Tina 50, 07.12.1998
"Gewaltopfer, brecht Euer Schweigen!"
Nachts wurde sie vom eigenen Vater missbraucht, am Tag von der Mutter halbtot geprügelt. Die Kindheit von Lara Andriessen war ein einziger Alptraum. Auch später musste sie durch ein ganzes Höllenfeuer von Schicksalsschlägen gehen. Seit drei Jahren wohnt die 42-jährige in einem Dorf in der Nähe von ***** und versucht hier, sich ein neues, besseres Leben aufzubauen. Die gelernte Krankenschwester ist als Autorin tätig. Wenn sie im Supermarkt einkaufen geht, blicken ihr die Leute hinterher. Manche mit unverhohlener Neugier, andere voller Mitgefühl. Nachdem ihr erstes Buch erschienen ist, weiß jeder, was die hübsche blonde Frau erdulden musste. Lara war nicht einmal ein Jahr alt, als sie vom Vater zum ersten Mal missbraucht wurde. Die Mutter wusste, welches Martyrium ihr Kind durchmachte, unternahm aber nichts. Im Gegenteil! Die rabiate Frau schlug mit allen möglichen Gegenständen auf das Mädchen ein. Misshandlungen, Vergewaltigungen - so ging das über viele qualvolle Jahre. Im Kindergarten fiel auf, dass der Körper der kleinen Lara oft mit blauen Flecken übersät war. Die Eltern wurden zwar angehört, aber sie bestritten ganz empört, das Mädchen jemals misshandelt zu habe. Und Lara schwieg aus Angst. Als Schulkind vertraute sie sich irgendwann dem Pfarrer an. Der suchte zwar die Eltern auf, um ihnen ins Gewissen zu reden, aber aus Rache wurde Lara nur noch mehr drangsaliert. Wie viele Opfer solcher Gewalttaten, machte sich das Mädchen auf und davon, wurde ins Heim gesteckt, riss wieder aus, lebte auf der Straße und landete im Prostituiertenmilieu.
Als die junge Frau an Krebs erkrankte, lehnte sie zunächst eine Behandlung ab: "Wenn du draußen auf dem Friedhof liegst, hat deine Qual endlich ein Ende", dachte sie. Schließlich ließ sie sich doch operieren, wurde geheilt. Als ihre drei Kinder erwachsen waren, verließ Lara Andriessen nach 20 Ehejahren ihren Mann. Zuflucht fand sie in einer Wohngemeinschaft von Schicksalsgefährtinnen. Dort entwickelte sie langsam neuen Lebensmut. Die Frau folgte dem Rat der Freundinnen und brach ihr Schweigen. Ihre Angehörigen konnten auch durch Morddrohungen und Telefonterror nicht verhindern, dass sie ihre Leidensgeschichte unter ihrem richtigen Namen niederschrieb und ihrer Peiniger entlarvte. Die schockierende Erzählung ist inzwischen zu einem Verkaufsserfolg geworden, der Stoff soll sogar...
Zeitschrift Tina 50, 07.12.1998 Eine Frau macht anderen Mut.