Lara Andriessen arbeitet da, wo andere Urlaub machen
Marktplatz regional, 12.03.2003
In der Kurstadt kann die Autorin ungestört schreiben - ein Leben wie ein "Horror-Roman" Von Gina FreifensteinEigentlich wohnt sie in ****** bei Alzey, zum Schreiben kommt Lara Andriessen jedoch regelmäßig nach *******.
Hier kann sie in der Wohnung eines guten Freundes wohnen und ungestört arbeiten.
Ihr Lebenslauf hört sich an wie ein Horror-Roman, spannend und schockierend zugleich. Man sieht es Lara Andriessen, die fröhlich und munter aus ihrem Leben erzählt, nicht an, was sie Schreckliches durchmachen musste. Doch genau diese Erlebnisse brachten sie zum Schreiben.
1956 erblickte Lara Andriessen das Licht der Welt. Sie wuchs mit zwei Geschwistern in Berlin auf. Doch was für die Außenwelt wie ein Familienidyll aussah, war für die kleine Lara ein Martyrium: seit sie ein Baby war wurde sie von ihrem Vater missbraucht und von ihrer Mutter misshandelt.
Mit dreizehn floh das Mädchen in die Berliner Szene. Nach einem Aufenthalt in ein Heim für schwererziehbare kam sie zurück zu den Eltern. Als sie die sexuellen Übergriffe des Vaters nicht mehr ertragen konnte, ging Lara endgültig - sie war gerade mal fünfzehn. Sie begann eine Ausbildung als Krankenschwester und kam im Schwesternwohnheim unter.
Doch ihr Leben wurde dadurch nicht besser. Sie geriet an den falschen Partner, wurde mit sechzehn schwanger und ihr Vater veranlasste eine Abtreibung.
Mit achtzehn kehrte sie Berlin den Rücken und landete in der Pfalz, wo sie ihrem "Märchenprinzen" begegnete - einem Zuhälter, wie sich sehr bald herausstellte. Zum Schluss war sie nur noch ein kraftloses Wrack, trotzdem hat sie das alles irgendwie überstanden. "Weil immer Menschen da waren, die mich aufgefangen haben", sagt sie. "Freunde und vor allem die Oma, die leider schon gestorben ist.Auch mein unverwüstlicher Frohsinn hat mich am Leben gehalten!" 1995 begann Lara Andriessen zu schreiben. "Einfach auf ein paar Blätter. Alles was mich bewegte, wie ein Tagebuch, über mein Leben und meine Gefühle.Es sollte nur für mich sein, an eine Veröffentlichung habe ich dabei nicht gedacht." Doch es wurde ein Buch daraus: "Verdauung der Masken" erschien 1998, obwohl die Familie das zu verhindern suchte. Das Buch wurde trotz des Tabu-Themas ein großer Erfolg. Unzählige Lesungen hat die Autorin inzwischen abgehalten, sogar ins Fernsehen wurde sie eingeladen. Regelmäßig erreicht sie Post von Lesern und ebenfalls Betroffenen, die sie gewissenhaft beantwortet. "Es ist wichtig, darüber zu reden, das Erlebte Schicht für Schicht aufzuarbeiten", erklärt die Autorin, die viele Therapien durchgemacht hat und alles tut, um gesund zu werden und den Kindesmissbrauch zu verarbeiten. "Man darf auch schlimme Erlebnisse nie verdrängen, und zu vergessen versuchen, das macht einen nur krank!" Es ist ein zweites Buch über Kindesmissbrauch erschienen ("Blutiger Sonnenaufgang"), ein weiteres ist fast fertig geschrieben. "Das ist mein letztes Buch zu diesem Thema", erklärt Lara Andriessen abschließend. "Ich bin der Meinung, dass ich nach draußen alles gesagt und geschrieben habe!" Und wie sieht es in ihr drinnen aus?"Da ist noch längst nicht alles überstanden, aber ich arbeite hart daran!" Ansonsten hat sie in den letzten Jahren drei Anthologien herausgegeben ("Mondträume", "Sternenträume", "Fee" ), Sammlungen von Märchen, Erzählungen und Gedichten mehrerer Autoren. Ein weiteres von der Seele geschriebenes Buch erschien 2002: "Das selbst gewählte Exil", ein Buch über den Autismus ihres Sohnes, über den jahrelangen Kampf für und um ihr Kind. Sie hat viel durchgemacht, wollte oft lieber sterben als weiterleben. Seit ein paar Jahren geht es ihr besser. Sie ist frei und hat im Schreiben nicht nur ihre Erfüllung gefunden, sie kann davon leben. Dass sie eine gespaltene Beziehung zu Männern hat, wer wollte ihr das verdenken?