Niemand wollte meine Schreie hören

Zeitschrift Lea Nr. 9 vom 23.02.2005

SEXUELLER MISSBRAUCH:

Drei Viertel aller Fälle finden innerhalb der Familie statt -
so wie bei Lara Andriessen (48), die jahrelang Opfer war

Hilfe für Opfer

Eine ganze Schar Enten kommt angeschwommen, als Lara Andriessen an den kleinen See in der Pfalz läuft. „Ich gehe oft hierher. Für mich ist das ein magischer Ort. Hier fühle ich mich als Teil des Universums, komme zur Ruhe, wenn mich wieder einmal nachts die Dämonen meiner Vergangenheit eingeholt haben", erzählt die Frau, auf der ein langer Schatten aus Kindheitstagen lastet.

„Jede Nacht schlich sich mein Vater zu mir"

Lara war noch nicht einmal ein Jahr alt, als sie zum ersten Mal vom Vater missbraucht wurde. Sie war ihm hilflos ausgeliefert, denn ihre Mutter wusste von Anfang an, welches Martyrium das kleine Kind durchlitt, aber sie unternahm nichts, blieb ruhig in ihrem Zimmer, während Nacht für Nacht das Weinen und Schreien des Babys durch das ganze Haus zu hören war. „Im Gegenteil", erzählt Lara, „tagsüber verprügelte sie mich mit allen möglichen Gegenständen. Besonders mit einem Teppichklopfer mit rosa Schleife schlug sie auf mich ein. Ich verstand nicht, warum mich meine eigene Mutter so hasste und quälte." Misshandlungen, Vergewaltigungen - so ging es über viele qualvolle Jahre. Im Kindergarten fiel zwar auf, dass Laras Körper mit blauen Flecken und Striemen übersät war. Doch als die Eltern daraufhin befragt wurden, stritten sie empört die Beschuldigungen ab, und Lara schwieg aus Angst. „Mein Vater war Kriminalkommissar bei der Berliner Polizei, meine Mutter Angestellte - nach außen die perfekte bürgerliche Fassade."

„Ich versuchte, mir das Leben zu nehmen"

Erst als Schulkind schaffte sie es, sich einem Menschen anzuvertrauen - dem Pfarrer. Der sprach aber nur mit den Eltern, um ihnen ins Gewissen zu reden, mehr unternahm er nicht. Mit dem Resultat, dass Lara aus Rache noch mehr drangsaliert wurde. Mit acht Jahren versuchte sie, sich das Leben zu nehmen, doch der Suizid misslang, ihr qualvolles Leben ging weiter. Auch spätere Versuche, von zu Hause zu fliehen, scheiterten. Schließlich wurde sie mit 14 Jahren vom Vater schwanger und musste eine Abtreibung vornehmen lassen. Doch trotz dieser unvorstellbaren Leiden schaffte es das Mädchen, mit kaum vorstellbarem Willen seinen Schulabschluss zu machen und eine Ausbildung zur Krankenschwester zu beginnen. Dafür zog sie weg von ihren Eltern in ein Wohnheim. Endlich schien alles gut zu werden. Doch wie oft in solchen Fällen geriet Lara in den Folgejahrzehnten immer wieder an lieblose Männer, die sie brutal verprügelten oder seelisch quälten. Nachdem ihre ganze Kindheit ein einziger Albtraum war, musste sie auch später noch durch ein wahres Höllenfeuer an Schicksalsschlägen gehen. Erst viel, viel später, als sie andere Missbrauch-Opfer kennen lernte, brachten die sie dazu, Hilfe zu suchen und sich einem Therapeuten anzuvertrauen.

„Heute will ich Frauen wieder Mut machen"

So gelang es Lara nach vielen, vielen Jahren endlich, wieder Lebensmut zu entwickeln und ihre Leidensgeschichte nicht nur gegenüber anderen Menschen in Worte zu fassen, sondern sie auch niederzuschreiben. Sie wagte es, das bisher Unaussprechliche öffentlich zu machen, indem sie beschloss, trotz Morddrohungen, Telefonterror und Gerichtsbeschluss ihrer Familie ein Buch darüber zu publizieren. „Ich will damit anderen Frauen Mut machen, nicht so lange zu schweigen wie ich!", erklärt die 48-Jährige. Längst stört es sie nicht mehr, wenn die Leute auf der Straße sie anstarren - manche mit unverhohlener Neugier, manche mit mitleidigem Blick. Ihr Erfolg bestärkt sie, den eingeschlagenen Weg weiterzugehen.

„Auch ich habe ein Recht auf Glück!"

Innerlich hat sich bei der starken Frau viel getan: Sie ist zur Ruhe gekommen und konzentriert sich darauf, anderen Frauen in ähnlichen Situationen beizustehen. So betreut sie unzählige Missbrauchsopfer und bereitet mit Freunden Demonstrationen gegen Missbrauch und Kinderprostitution vor: „Ich kämpfe für die Rechte der Opfer und gehe dafür auf die Straße". Das kann sie, weil es ihr gelungen ist, sich ein neues Leben aufzubauen. Laras größter Wunsch für die Zukunft? "Ich will leben, und ich habe auch ein Recht darauf, glücklich zu sein." Obwohl das Thema sexueller Missbrauch inzwischen starker im öffentlichen Bewusstsein ist, muss sich ein missbrauchtes Kind im Durchschnitt acht Mal an einen Erwachsenen wenden, bevor ihm geglaubt und vor allem geholfen wird! Der Grund: Die Information überfordert viele. Die erste bundesweite Hotline für sexuell missbrauchte Kinder (N.LNA") soll daher Lehrern, Nachbarn und Verwandten Hilfe geben: Tel.: 01805/123465 (montags 9 bis 13 Uhr, dienstags und donnerstags 13 bis 17 Uhr). In „Blutiger Sonnenaufgang" (14,80, Becker Verlag) und "Die Faust des Märchenprinzen" (13,80 Euro, Becker Verlag) erzählt Lara Andriessen von ihrer vielschichtigen Leidensgeschichte.