Run auf "Verdauung der Masken"
Wormser Zeitung 19.05.1998
Wie Lara Andriessen ihr Martyrium in der Familie zum Buch verarbeitet hat / Morgen Lesung
mj. - Sie hat es getan. Nichts mehr zu machen. "Ich bin frei, endlich", sagt Lara Andriessen. Sie lächelt. Und es ist nicht ihre Fassade, sondern sie selbst. Ihre Erzählung "Verdauung der Masken" liegt seit geraumer Zeit in den Buchhandlungen aus und schickt sich an, ein Renner zu werden. Nicht, weil sie sich auf anhieb millionenfach verkauft, sondern weil sie trifft. Die Familie der Autorin traf das Buch zuerst. Wie ein Rasiermesser fuhr es in die Hülle aus Gutbürgerlichkeit, zerschnitt gnadenlos den Vorhang, der jahrzehntelang unsägliche Qualen, Angst und Erniedrigungen verborgen hatte.
"Niemand hat mir zugetraut, dass ich mein Martyrium in ein Buch packen, geschweige denn, es veröffentlichen würde", gibt sich Lara Andriessen heute selbstbewusst. Für die Familie aber ist sie jetzt eine Geächtete, ein Nestbeschmutzer. Man legt schließlich nicht schonungslos offen, wie der Vater seine Tochter von Kindesbeinen an missbraucht. Man beschreibt nicht, wie er sich fast jede Nacht in ihr Zimmer schleicht, wie er sich immer neue Widerwärtigkeiten ausdenkt, um seine sexuellen Phantasien an dem Kind zu befriedigen. Man erzählt auch nicht öffentlich, dass die Mutter ihre Tochter verprügelt, wann immer sie Lust dazu hat, sie zum Sündenbock für die eigene Unzulänglichkeiten macht. Man gibt Tausenden von Lesern nicht die Möglichkeit mitzuerleben, wie ein Mann eine Frau zur Marionette degradiert, sie als unmündige Figur in die Inszenierung seines Lebens einpasst. Nein, so etwas tut man einfach nicht. Weil es trifft. Es trifft den Nagel mitten auf dem Kopf.
Doch so entrüstet die Familie auf ihre "Bloßstellung" reagiert, so ungebremst positiv ist das Echo des Buches andernorts. "Es ist unglaublich", resümiert die Autorin. Der Weiße Ring, Menschenrechtsverbände, die Zeitschrift "Emma" unter Federführung von Alice Schwarzer, verschiedene Bürgerinitiativen, Domenica aus Hamburg, die jüngst in Worms ihr eigenes Buch präsentierte, ja sogar Fernsehkommissar Horst Tappert zeigten sich spontan beeindruckt vom Erstlingswerk der 42jährigen. Sie war zu Gast in Talkshows, redete dort über Gewalt und Angst, arbeitet derzeit an einem neuen Buch zu diesem Thema. Sie könne sich vor Post kaum retten, es gebe Buchhandlungen, die mittlerweile zum zweiten Mal nachbestellt hätten, sprudelt es aus Lara Andriessen heraus.
Dabei war der Weg bis zur Veröffentlichung hart und steinig. "Es hat etliche Verlage gegeben, die sich für den Stoff interessiert haben, nur eben nicht so, wie ich ihn niedergeschrieben habe", erzählt sie aus der Zeit, als sie mit ihrem Manuskript unter dem Arm durch die Verlagshäuser zog. Die Darstellung der Geschichte sei zu drastisch, die Offenlegung der Details zu schockierend, hätten die Herausgeber befunden, so die Autorin. Doch sie ließ sich nicht unterkriegen und fand schließlich einen Freund, der das Buch für so wichtig hielt, dass er kurzerhand selbst einen Verlag gründete. Im Körbel-Verlag ist "Verdauung der Masken" nun unzensiert erschienen, und der Leser fragt sich unwillkürlich, ob die Geschichte authentisch sein kann. "Es hat sich alles so zugetragen", versichert Lara Andriessen. Am Mittwoch liest die Autorin im Frauencafé aus ihrem Buch.