Schicksal eines Opfers: Verprügelt und mißbraucht
Weißer Ring 3/98
Es muss eine mächtige Erleichterung gewesen sein: Auf 278 Seiten hat Lara Andriessen die Schrecken ihrer Kindheit und die für Missbrauchsopfer nicht untypischen Folgen in der Jugend und der Ehe aufgeschrieben: Tags von der Mutter verprügelt, nachts vom Vater brutal missbraucht.
Oft von der älteren Schwester getröstet und gehalten, dies bis in die unglückliche Ehe hinein. Merkwürdig nur, dass die Schwester niemals nachts aufwachte, wenn sie im oberen Bett des Etagenbetts lag, während der Vater im unteren Bett die kleine Schwester vergewaltigte. Sie wachte auch danach niemals auf, wenn die Kleine verzweifelt weinte und mit den Füßen eine Ewigkeit lang gegen die Matratze trat, um wenigstens mit einer Umarmung in ihrem unerschöpflichen Leid getröstet zu werden.
Draußen, in der Schule etwa, blüht das misshandelte Kind auf, hat Freundinnen, findet gar Helfer wie jenen Pfarrer, die mit den Eltern reden. Nach dem ersten dieser Gespräche versucht sie jedes weitere zu verhindern: Sie ist den Eltern noch stärker ausgeliefert, die ihr einbleuen, Verrat an der Familie begangen zu haben. Wie so viele Missbrauchsopfer hat sie in ihrem Leid gelernt, die Seele vom Körper zu trennen, den Körper zu verlassen während der Übergriffe.
Und wie so viele Missbrauchsopfer reißt sie eines Tages aus zu Hause, lebt auf der Straße, kommt ins Heim, reißt aus, landet irgendwann im Bordell. Die Behausung scheint dennoch ein Glücksgriff zu sein. Der Inhaber wie die Besucher behandeln sie gut, einer heiratet sie gar. Doch die bürgerliche Existenz nimmt Schaden mit den Jahren. Irgendwann nimmt die Ehefrau ein neues Nachtleben im alten Bordell auf und hält am Tage die Fassade des geordneten Familienlebens aufrecht. Kriminell wird das Ganze, als ein fester Liebhaber auftritt - endlich löst sie sich als längst erwachsene Frau aus all den erstickenden Zwängen, unterstütz von guten Freundinnen, die ihr helfen, das Schweigen zu brechen.
In der Familie muss ihr Buch mächtig eingeschlagen haben. Sie hat unter ihrem richtigen Namen geschrieben, auf ein Pseudonym verzichtet - und damit natürlich auch die Täter und ihr ganzes persönliches Umfeld aus nahezu vier Jahrzehnten identifizierbar gemacht. Natürlich finden sich auf ihrem Anrufbeantworter nun sehr viele Schweigeanrufe oder gar die Drohung "Ich kriege dich!"
In ihrem neuen Umfeld hat sie sich möglichst gut gegen Übergriffe gewappnet. Die Mutter war angereist, als sie vom Vorhaben der Tochter erfuhr, ihre Geschichte veröffentlichen zu wollen. Sie konnte das Buch nicht verhindern. Die ältere Schwester, lange Zeit die engste Vertraute, hat mit ihr gebrochen, als das Buch auf dem Tisch lag. Inzwischen ist Lara Andriessen bereits mit neuen Buchprojekten zum gleichen Thema beschäftigt. Sie werden wie ihre Lebensgeschichte "Verdauung der Masken" im Körbel-Verlag erscheinen, den ein Freund gründete, nachdem kein etablierter Verlag bereit war, Andriessens "Erzählung" in der Ur-Fassung zu bringen. Die Schilderung war den Lektoren zu drastisch, Änderungen aber lehnte die Autorin ab. Sie ist inzwischen auch zu Lesungen unterwegs. Wenn sie "Verdauungen der Masken" vorstellt und mit ihren Zuhörern diskutiert, dann bringt sie auch dies ein Stück weiter zu einem erfüllten Leben.
Für sie bedeutet das: "Freude! Die kann kein Therapeut ersetzen!"