Sei still, kleine Prinzessin
Autorin, die jahrelang sexuell missbraucht wurde, las im Frauenzentrum
red. - Aus ihrem Buch "Verdauung der Masken" las Lara Andriessen im Alzeyer Frauenzentrum. Die Autorin schildert darin die Leidens- und die Heilungsgeschichte einer Frau, die viele Jahre lang sexuell missbraucht wurde. Zu dieser Veranstaltung eingeladen hatte die Sozialpädagogin Petra Werum, Mitarbeiterin des "Notrufs für von Gewalt betroffene Frauen und Mädchen" (Rufnummer 06731-19740) Im frisch renovierten Caféraum des Frauenzentrums herrschte unter den zehn Zuhörerrinnen eine sehr gespannte Atmosphäre, als der Abend mit dem Lied "Bitte küss´ mich nicht" von TicTacToe begann.
Als danach Lara Andriessen sehr offen und detailliert ihre schrecklichen Kindheitserlebnisse schilderte, machte sich Betroffenheit breit. Schon als Baby wurde Lara sexuell missbraucht. Im Laufe vieler Jahre quälte der Vater sie. Die Mutter tat, als bemerke sie nichts.
Das kleine Mädchen rettete sich, indem es seinen Körper gefühllos machte und sich wegphantasierte. "Sei still, meine kleine Prinzessin. Dann tut es auch nicht weh", sagte der Vater. Und das Kind schwieg, trotz seiner Qualen, sogar, als Außenstehende nach den Ursachen der Wunden fragten.
Mit 39 Jahren brach die Erwachsene ihr Schweigen und setzte sich mit dem auseinander, was ihr angetan worden war. Sie sprach über die Erlebnisse und schrieb darüber. Die Folgen waren Bedrohungen durch die Täter und eine nicht enden wollende Flut von Briefen von Frauen, die auch sexualisierte Gewalt erlitten haben.
Im Anschluss an die Lesung berichtete Lara Andriessen während eines Gesprächs sehr anschaulich, dass für sie mit dem Sprechen und Schreiben ein zunächst sehr schmerzhafter Heilungsweg begann. Heute sei sie stärker geworden.
Wie schafft sie das? Wie schützt sie sich gegen Angriffe? Wie reagieren ihr nahestehende Menschen auf das Buch? Warum konnte sie keine Anzeige erstatten? All diese Fragen stellte sich die Autorin in einer sehr intensiven Diskussion, in die auch Petra Werum ihre fachliche Sichtweise einbrachte.
So setzen sich die beiden dafür ein, dass Frauen und Mädchen frühzeitig geholfen wird, das Mütter und Väter ihre Kinder, vor allem die Mädchen, so erziehen, dass die Gefahr, Opfer zu werden, reduziert wird. Darüber hinaus engagieren sich Lara Andriessen und die Mitarbeiterinnen des Frauenzentrums für verlängerte Verjährungsfristen. Sie kritisieren die "Vernaschmich-Darstellung" von Mädchen und Frauen in den Medien und sprechen sich für eine Auseinandersetzung mit dem Mann- und Frau-Sein aus. Ihr Fazit: "Wir alle, Frauen und Männer, können etwas gegen sexualisierte Gewalt machen."
So endete der Abend trotz des bedrückenden Themas ermutigend und mit einem dicken Applaus für die Autorin.